Wir dokumentieren: ein Abriss, aus der Reihe: Zum Jubiläum… 100 Jahre Universität Hamburg und 111 Jahre Kolonialinstitut

Marx schrieb einst über Das Kapital, dass es Kritik durch Darstellung et vice versa sei und implizierte also, dass die Kritik Teil des Gegenstands sein muss, wenn die Darstellung des Gegenstands nicht verfehlt sein soll. Wir meinen gleiches gilt für ein Jubiläum wie es dieses Jahr in der Uni Hamburg begangen wird und die dabei stattfinde Darstellung der eigenen Geschichte.


100 Jahre Wissenswerft ist der offizielle Slogan des Jubiläums, der zynischer kaum sein konnte. War doch Hamburg ein

bedeutender Hafen für die kolonialen Ausbeutungs-Bestrebungen des deut- schen Kaiserreichs und wichtige wissenschaftlichen Vorgängerinstitutionen wie das Bernhard-Nocht-Institut und vor allem das alte Kolonialinstitut wichtige ideologische und praktische Stützfeiler eben dieser deutschen Kolonialbestrebungen, die auch in der späteren Hamburger Universität noch eine wichtige Rolle spielen sollten.

Nach dem verlorenen Weltkrieg bis 1918, der alle Kolonialbestrebungen zumindest einen ordentlichen Dämpfer verpasste, war es die Novemberrevolution der Arbeiterinnen und Soldaten die nach Freiheit und Gleichheit strebte, aber schlussendlich auch die opportunistische Sozialdemokratie als neuen hegemonialen Block in Hamburg ermöglichte, welcher dann im Frühjahr 1919 die Universität auf Antrag des Bürgermeisters Werner von Melle beschlossen hat. Unter Druck von Arbeiter*innen-Bewegung und USPD war die Uni aber nicht nur die Summe ihrer Vorinstitutionen, sondern wurde auch eine der ersten Reform-Unis ihrer Zeit, in der neben der tradierten Kolonialwissenschaft eine progressive Lehrerinnen-Bildung und humanistische Philosophie Einzug erhielten.

Trotzdem wurde hier schon früh der deutsche Faschismus in Fachrichtungen wie Ethnologie, Biologie, Medizin, Geografie und Soziologie ideologisch-pseudowissenschaftlich vorbereitet. Einige Namen sein an dieser Stelle schon einmal genannt: Sigfried Passarge („Das Judentum als landschafts-kundlich-ethnologisches Problem“), Georg Thelenius, Walther Scheidt.

Spätestens mit der Gleichschaltung der Universität   1933   und   der   erzwungenen Emigration vieler jüdischer Wissenschaftler*innen (u.a. Ernst Cassirer und Agathe Lasch) wurden die Reform-Intentionen zunichte gemacht. An der Uni wurde nun Eugenik und neue deutsche Kolonien     vorbereitet.

Fächer wie „Germanische Frühgeschichte“ wurden in der Zeit des deut- schen Faschismus eingeführt, um die Macht der Nazis mithilfe von „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ auszuweiten. In dieser sollte Professor Walther Matthes anhand von Gestein beweisen, dass mindestens ganz Europa ex-germanisch war, folglich nun „die Arier“ legitimen Anspruch auf dieses Gebiet haben würden. In der Soziologie wurde bereits vor der Machtübertragung an die Nazis Andreas Walther als erster Professor eingestellt. Unter Hitler wurde er für das Erstellen von Hamburg-Stadtplänen bekannt, in denen er „asoziale“ Gebiete kennzeichnete, in denen die dort wohnenden Menschen lebten „ausgemerzt“ werden sollten. Nur  eine kleine Gruppe von Chemikerinnen und Medizinerinnen um Hans Leipelt leisteten als Hamburger Zweig der Weißen Rose aktiven Widerstand.

Nach dem 2. Weltkrieg konnten viele faschistische Wissenschaftler und ihre opportunistischen Kollegen ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen,  weil sich „die“  Wissenschaft  selbst als eine beschrieb über die der Faschismus nur als eine von außen wirkende Macht kam und die alten Wissenschaftsnetz- werke weiterhin wichtige Grundlage der Einstellungen waren. So wurde der „entnazifizierte“ Soziologie-Professor Helmut Schelsky in der Akademie für Gemeinwirtschaft (ex-HWP) „nicht trotz seiner NS- Vergangenheit (NSDAP; SA; etc.) sondern wegen ihr eingesetzt“ (Zitat: Luise Heinz, UHH).

Weder wurde also mit der personellen Kontinuität gebrochen, noch wurde der Wissenschaftsinhalt in der Nachkriegszeit auf eine gesellschaftskritische umgestellt. Geschichtsvergessen, auf Tradition und Normalität pochend und quantifizierend gab es in den meisten Fachgebieten der Hamburger Universität lange Zeit keinen Bruch mit der Kolonialwissenschaft und mit der im deutschen Faschismus. Schelsky entwarf z.B. Ansätze, die eine konservative Institutionsgeschichte stützten (Homosexualität sei nicht möglich, da sie die öffentliche Normalität gefährden würde). Auch wurde im Institut für Humanbiologie „Rassenkunde“ noch bis in die 90er Jahre unter Leitung von Rainer Knußmann gelehrt. Und auch heute fehlt die kritische Auseinandersetzung mit der Universitätsgeschichte und eine folgende transformative Wissenschaftsausrichtung an jeder Ecke. Im „Afrika-Asien-Institut“ werden Sprachen gelehrt, ohne dies ausreichend im historisch- materiellen Kontext von Ausbeutung zu begreifen. In der VWL wird weiterhin auf die neoklassische Wirtschaftstheorie zurückgegriffen, obwohl ihre Funktionalität längst praktisch widerlegt ist. Die Klimawissenschaft „forscht“ beschreibend und normalitätsreproduzierend statt hinterfragende und prozessantreibend gesellschaftliche Bewegungskämpfe zu unterstützen.

2019, 100 Jahre nach Universitätsgründung und 111 Jahre nach Eröffnung des Kolonialinstituts wäre es nun an der Zeit sich zu fragen, wie Wissenschaft sich in den Dienst einer gesellschaftlichen Transformation stellen könnte. Stattdessen wird der aktuelle Zustand unter Drittmittel- und deswegen Prestige- Abhängigkeit weiter befeuert. Dieses Jahr sollte also beim Campusfest 100 Jahre „Wissenswerft“ Uni Hamburg gefeiert werden. Trotz dessen, dass die Veranstaltung offensichtlich als Prestige-Veranstaltung, ahistorisch, inegalitär und ohne politischen Anspruch geplant wurde, drehten sich schlussend- lich viele Reden der Universitätsmitglieder um die politische-organisierte finanzielle Notlage der Wissenschaft und Bildung. Nicht umsonst, schließlich war mit Wolfgang Schäuble auch ein Verantwortlicher und mit Peter Tschentscher ein Verwalter der Schuldenbremsenpolitik  vor  Ort.  100  Jahre nach der Novemberrevolution und 50 Jahre nach ‚68‘ mussten sich diese dann auch gezwungen, positiv auf vergangene Revolutionen beziehen, ohne jedoch in Kontinuität zu ihnen zu stehen. Das wurde spätestens dann deutlich, als zu Beginn von Schäubles Rede mehrere Kommilitoninnen einen stillen Pro- test wagten und gegen den Auftritt Schäubles und das Vergessen der kolonialen Vergangenheit der UHH Transparente hielten und Flugblätter verteilten. Sie wurden sofort von einem privaten Sicherheitsdienst unter Androhung von Zwangsmaßnahmen aus dem Audimax gezerrt, gerade nach man sich noch auf der Bühne positiv auf die Muff-Aktion bezogen hat und kurz bevor Schäuble über die Notwendigkeit von Kritikfähigkeit sprach.

Innerhalb des universitären Kontextes gibt es also auch – nicht gerne gesehene – kritische Stimmen. Zum 50sten und 75sten Uni-Jubiläum gab es studentische Gegenfestschriften, die sich gegen traditionsliebende Universitätsstrukturen, zu wenig historisches Bewusstsein und die über allem schwebende „Sparpolitik“ aufregten. Alternativen wer- den und wurden entwickelt: Kürzlich schrieben ein Großteil der Hamburger Soziologinnen einen Brief, um sich gegen eine Schelsky-verherrlichende Veranstaltungsreihe zu stellen. Auch wurde von vielen Afrikanistinnen ein Protestbrief gegen die koloniale Ausrichtung des Afrika-Beauftragten der Bundesregierung, Günther Nooke, veröffentlicht. Aus der Auseinandersetzung ging sogar eine Veranstaltungsreihe, die sich intervenierend gegen eine „gefaellige Wissenschaft“ richtet, aus. Schlussendlich gibt es verschiedene studentische Projekte, die sich mit der Universitätsgeschichte auseinandersetzen und Szenische Lesungen sowie Ausstellungen dazu entwerfen und in Veranstaltungen intervenieren. Wohlmöglich braucht es eine weitere Gegenfestschrift, denn die Universität ändert sich bisher eben auch nur in einem Rahmen, der ermöglicht, dass alles gleich bleibt…

Weitere Ausführungen der Geschichte der Fachdisziplinen erfolgen in den nächsten Heften.

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